Einfach leben: Wie ein Abend in der khg plötzlich still wurde
Die Donnerstage der katholischen Hochschulgemeinde Göttingen folgen einem vertrauten Rhythmus. Während der Vorlesungszeit öffnet sich Woche für Woche das „Fegefeuer“, der Gemeinderaum der khg, für einen Abend, der immer zugleich bekannt und neu ist.
Bekannt sind der Ort, das gemeinsame Abendessen, viele Gesichter, die direkt aus Seminaren, Bibliotheken oder Laboren kommen und sich zunächst am langen Tisch versammeln. Neu ist meist der inhaltliche Teil des Abends. Mal geht es um gesellschaftliche Fragen, mal um Spiritualität, Kunst, Kultur oder Spieleabende; manchmal entstehen Gespräche, manchmal stille Momente.
In diesem Semester setzt die khg Göttingen einen besonderen Schwerpunkt auf Schöpfungsgerechtigkeit. Vor diesem Hintergrund war Rhina Colunge-Peters, Referentin für außerschulische Umweltbildung im Bistum Hildesheim, eingeladen worden. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Einfach leben“ und versprach zunächst einen Bildungsabend über Nachhaltigkeit, Lebensstil und gesellschaftliche Verantwortung.
Die Ankündigung formulierte Fragen, die vielen Studierenden vertraut sein dürften: Klimakrise, Ressourcenverbrauch, globale Ungerechtigkeit – und zugleich die Erfahrung eines Alltags zwischen Vorlesungen, Nebenjob und Prüfungsstress, in dem selbst gut gemeinte Veränderung schnell zur Überforderung werden kann. Wie lässt sich sinnvoll handeln, ohne in moralischen Druck oder Resignation zu geraten? Wie kann Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch oder ökonomisch verstanden, sondern auch innerlich und spirituell erfahren werden?
Wer an diesem Abend jedoch einen klassischen Vortrag mit anschließender Diskussion erwartete, wurde überrascht. Die Besonderheit lag weniger in einem methodischen Konzept als in der Präsenz der Referentin selbst. Rhina Colunge-Peters schuf innerhalb kurzer Zeit eine Atmosphäre bemerkenswerter Entschleunigung. Gespräche wurden langsamer. Antworten mussten nicht sofort formuliert werden. Zwischen den Wortmeldungen entstand Raum. Man hatte den Eindruck, dass hier tatsächlich zugehört wurde. Gerade darin lag die eigentliche Intensität des Abends. Die Diskussion über Nachhaltigkeit, die ich quasi erwartet hatte, fand nicht statt. Stattdessen rückte eine andere Perspektive in den Mittelpunkt: die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Schöpfung.
Gemeinsam widmete sich die Gruppe der Wirkung von Laudato Si’, jener Enzyklika, mit der Papst Franziskus eines der weltweit meistzitierten kirchlichen Dokumente zu Umwelt- und Schöpfungsfragen vorgelegt hat. Ausgangspunkt der Überlegungen war die Spiritualität des heiligen Franz von Assisi und dessen radikale Liebe zur Natur. Colunge-Peters sprach nicht primär von der Natur als Ressource, die geschützt werden müsse, weil der Mensch von ihr abhängt. Sie sprach von Zuneigung, Verbundenheit und Liebe zur Schöpfung im Alltag.
Die Einfachheit dieser Perspektive wirkte beinahe irritierend. Wer die Natur liebt, zerstört sie nicht. Wer sich als Teil der Schöpfung versteht, begegnet ihr anders. Gerade in dieser scheinbaren Schlichtheit zeigte sich die Radikalität der Gedanken. Denn sie verschieben den Ausgangspunkt: weg von einem funktionalen Verhältnis zur Umwelt, hin zu einer Beziehung. Vielleicht war es genau diese Verschiebung, die den Abend prägte. Nachhaltigkeit erschien plötzlich weniger als moralische Pflicht und stärker als Frage innerer Haltung. Anstatt permanenter Selbstoptimierung ging es um die Fähigkeit, wahrzunehmen, verbunden zu sein und daraus heraus anders zu handeln.
Am Ende versammelte sich die Gruppe im Innenhof der khg zu einem gemeinsamen Gebet. Es war bereits dunkel geworden. Manche Studierende mussten noch lernen, andere zurück in ihre WGs oder an ihre Schreibtische. Und doch blieb der Eindruck, dass sich in dieser Stunde etwas verändert hatte.
Ein Bericht von Ximena Ordonez


