Podcasting als Raum der Begegnung
Wer glaubt, Studierende wollten nach einem langen Uni-Tag vor allem Ruhe, kennt viele von ihnen schlecht. Gleichzeitig stellt sich immer wieder eine scheinbar naheliegende Frage: Wie viel zusätzliche Bildungsarbeit brauchen Studierende überhaupt noch, wenn sie bereits von Montag bis Freitag von Vorlesungen, Seminaren, Prüfungen und Abgabefristen geprägt sind?
Die Antwort darauf fällt in der khg überraschend eindeutig aus. Studierende suchen gerade außerhalb der Universität nach Räumen, in denen Lernen anders geschieht: freier, persönlicher, experimenteller und selbstgewählter. Kompetenzen, die in der Freizeit erworben werden, tragen nicht den Druck curricularer Anforderungen. Sie entstehen aus Interesse, Sehnsucht oder Neugier und sie entfalten oft daher eine besondere Intensität.
Ein Beispiel dafür war der Podcast-Workshop, der in diesem Semester in vier Terminen im „Fegefeuer“, dem Gemeinderaum der khg, stattfindet. Die Idee stammt von der Freiwilligen Laura Goretti, die für das Projekt die Journalistin und Podcasterin Verónica Vélez gewinnen konnte. Dass eine solche Persönlichkeit derzeit in Göttingen lebt, ist beinahe ein glücklicher Zufall der internationalen Wissenschaftswelt: Vélez’ Mann forscht hier als Mathematiker.
In der spanischsprachigen Welt ist Verónica Vélez vor allem durch ihren Podcast Bitácora migrante bekannt geworden. Dort erzählt sie Geschichten von Migration als vielschichtiges Mosaik persönlicher Erfahrungen. Sehnsucht, Verlust, Hoffnung, Identität und Aufbruch erscheinen in diesen Episoden als gelebte Wirklichkeiten einzelner Menschen.
Wer die erste Sitzung des Workshops besuchte, merkte schnell, dass Verónica eine ausgezeichnete Journalistin und eine außergewöhnlich gute Lehrende ist. Zwölf internationale Studierende kamen an diesem Nachmittag zusammen, um über Storytelling zu lernen. Doch der Workshop blieb nicht auf theoretischer Ebene stehen. „Learning by doing“ bedeutete hier vor allem: die eigene Geschichte erzählen.
So entstand innerhalb weniger Stunden ein Raum bemerkenswerter Offenheit. Die Teilnehmenden sprachen über ihre Wege nach Deutschland, über Abschiede, bürokratische Hürden, Einsamkeit, Erwartungen, kulturelle Missverständnisse und Neuanfänge. Kaum ein Nachmittag im Fegefeuer dürfte in den vergangenen Jahren so viele unterschiedliche Lebensgeschichten gleichzeitig versammelt haben. Zusammen ergaben sie ein eindrucksvolles Bild davon, was es heute bedeutet, internationale Studentin oder internationaler Student in Göttingen zu sein.
Dabei wurde spürbar, welcher Kraftakt hinter vielen dieser Biographien steht. Migration wurde als persönliches Abenteuer präsent – oft mutig, manchmal schmerzhaft, fast immer von großer Unsicherheit begleitet. Gleichzeitig entstand eine Atmosphäre bemerkenswerter Solidarität. Menschen hörten einander aufmerksam zu. Geschichten wurden nicht bewertet, nur getragen.
Gerade darin zeigte sich die eigentliche Bedeutung dieses Nachmittags. Der Workshop vermittelte nicht nur technische Kompetenzen für Podcasting oder Storytelling. Er machte sichtbar, was
Hochschulgemeinden sein können: Orte, an denen Menschen ihre Erfahrungen aussprechen dürfen, ohne sie vereinfachen zu müssen.
An solchen Tagen scheint selbst der Raum mitzuhören. Die Wände des Fegefeuers haben schon viele Diskussionen, Spieleabende und Vorträge erlebt. An diesem Nachmittag aber schienen sie sich beinahe mitzufreuen – über so viel Mut zum Erzählen, über so viel Ehrlichkeit und über die Hoffnung, die trotz aller Brüche in vielen dieser Geschichten spürbar blieb. Die weiteren Termine des Podcast-Workshops finden im Laufe des Semesters statt. Neue Interessierte sind weiterhin willkommen.
(Beitrag von Ximena Ordóñez)


