Schlüsselmomente

Alle paar Jahre gibt es in meinem Jesuitenleben den Moment, in dem ich im Zug sitze und keinen Schlüssel mehr habe. Dann lasse ich mal wieder ein Zuhause zurück ohne schon ein Neues zu haben. Gerade ist es wieder so weit. Dieses Mal hieß mein Zuhause Göttingen, genauer gesagt khg: Göttingen und Sankt Michael. 

Drei besondere Jahre liegen hinter mir, drei Jahre, zu deren Beginn sich mein Leben komplett geändert hatte: Damals, im September 2016, wurde ich zum Priester geweiht. Göttingen war meine erste Stelle als Priester und damit nicht nur ein Arbeitsort, sondern vor allem auch ein Lernort: Messen zu feiern, zu predigen, Beichten zu hören und einiges mehr waren Tätigkeiten, die ich vorher entweder gar nicht oder nur sehr selten getan hatte. Natürlich hatte ich schon einen umfangreichen Ausbildungsweg hinter mir, eigene Vorstellungen und viele Vorbilder wie Unterstützer, aber dennoch galt es, das alles erstmal kennenzulernen. 

Ein roter Faden hat sich bei allem Tun durchgezogen – schon seit meiner ersten Predigt in Sankt Nikolai. Da hatte ich gefragt: „Wie betest Du?“ Im Grunde war all mein Streben danach ausgerichtet, darauf gemeinsam eine Antwort zu suchen und zu finden und (neue) Wege des Betens zu entdecken. Dieses Ziel entstammt meiner tiefen Überzeugung und Erfahrung, dass letztendlich aus der Beziehung mit Gott  – und nichts anderes ist Beten – alle Kraft, Freude und Fülle für unser Leben kommt. Doch all das wären unerfüllte Wünsche und theologische Theorie geblieben, hätte ich nicht Menschen wie Euch getroffen: Studentinnen und Studenten, Lehrende und Arbeitende, die dieser Frage nach Gott schon längst nachgegangen sind – und mich dann an ihrem Weg haben teilhaben lassen – oder sich haben einladen lassen, z.B. einen Exerzitienkurs zu machen. Ich bin unendlich dankbar, dass Ihr mir erlaubt habt, mit Euch zu beten und über Gott nachzudenken. Danke für all Euer Vertrauen, danke für Eure Offenheit und die vielen Gespräche, Begegnungen, Exkursionen und Unternehmungen mit Euch. All das hat dazu geführt, dass Göttingen, auch wenn ich keinen Schlüssel mehr habe, immer ein Zuhause von mir bleiben wird und ich mich mit Euch im Gebet verbunden weiß – egal wo wir in dieser Welt gerade sind. 

P. Hans-Martin Rieder SJ
Kaplan der khg: Göttingen von September 2016 bis August 2019