Was Bursfelde jedes Jahr besonders macht

Mitten im Semester gibt es im Mai einige Feiertage, die aus dem Rhythmus der Universität herausfallen. Himmelfahrt gehört in Göttingen zu diesen besonderen Tagen. 

 

Während viele die freien Stunden für Reisen oder Erholung nutzen, fährt jedes Jahr eine bemerkenswerte Gruppe nach Bursfelde: Studierende, Professor:innen, Hochschulangehörige, Gemeindemitglieder, Interessierte aus Göttingen und Umgebung. Die katholische Hochschulgemeinde Göttingen fuhr, wie jedes Jahr, gemeinsam mit der ESG nach Bursfelde – ökumenisch verbunden und sichtbar jünger als viele der traditionellen Besuchergruppen.

Bursfelde besitzt für Göttingen eine besondere Stellung. Die ehemalige Benediktinerabtei ist eng mit der Universität verbunden; traditionell wird das Amt des Abtes von einem Professor der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen getragen. Der derzeitige Abt von Bursfelde ist Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte. Kaufmann sprach in seiner Predigt über das Böse in der Welt, über politische und gesellschaftliche Erschütterungen, aber auch über die inneren Erfahrungen des Einzelnen. Die Texte des Tages verband er mit aktuellen Weltereignissen und mit jenen diffusen Gefühlen von Unsicherheit, Müdigkeit oder Überforderung, die viele Menschen gegenwärtig begleiten.

Dass es ein Himmelfahrtsgottesdienst war, zeigte sich besonders in der Musik. Ein Bläserensemble trug die Gemeinde durch die Liturgie und verlieh den Liedern eine beinahe festliche Weite. Viele der Gesänge waren dem Frühling und der Schönheit der Schöpfung gewidmet – und selten passen liturgische Texte so selbstverständlich zur Umgebung wie in Bursfelde. Die Gärten der Abtei standen in voller Blüte, der Innenhof wirkte wie ein geschützter Raum zwischen Stein und Grün, der nahe Fluss und der kleine Teich verstärken den Eindruck eines Ortes, an dem Natur und Spiritualität nicht künstlich voneinander getrennt sind.

Zu Bursfelde gehört seit Jahren nicht nur der Gottesdienst, sondern auch der wissenschaftliche Vortrag im Anschluss. Jedes Jahr wird eine Professorin oder ein Professor eingeladen, aktuelle Forschung vorzustellen. Diese Verbindung aus Liturgie, Wissenschaft und gemeinschaftlichem Essen wirkt zunächst ungewöhnlich…

In diesem Jahr sprach Prof. Dr. Tim Salditt vom Institut für Röntgenphysik der Georg-August-Universität Göttingen über Entwicklungen der 3D-Röntgentechnik und über die wissenschaftlichen Durchbrüche der vergangenen Jahre. Naturwissenschaftliche Bilder wurden an die Leinwand projiziert; hochkomplexe Forschungsfragen trafen auf einen Raum, der jahrhundertelang von Gebet und Liturgie geprägt wurde.

Einige Studierende bemerkten später, wie irritierend dieser Moment zunächst wirkte. Ein naturwissenschaftlicher Vortrag in einer Kirche schien für manche unerwartet, beinahe unpassend. Doch gerade diese Irritation führte zu interessanten Gesprächen. Man erinnerte sich an die Entstehungsgeschichte der Universitäten, an die Wissenskultur der mittelalterlichen Klöster und an jene Idee des Universalismus, die sowohl das Christentum als auch die Universität lange geprägt hat: die Überzeugung, dass Wahrheit nicht in isolierten Bereichen existiert, sondern dass verschiedene Formen des Wissens miteinander in Beziehung stehen können.

Normalerweise klingt der Tag in Bursfelde noch lange im Freien aus. Viele bleiben nach dem Mittagessen im Garten, am Wasser oder im Innenhof der Abtei sitzen. In diesem Jahr jedoch setzte Regen ein und zwang die Gruppen früher in die Innenräume oder zurück nach Göttingen. Vielleicht passte selbst das ein wenig zu einem Tag, an dem Natur, Wissenschaft, Liturgie und Gemeinschaft nicht als voneinander getrennte Bereiche erschienen, sondern als Teile derselben Wirklichkeit.

(Beitrag von Ximena Ordóñez)